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| Linz, Ende Oktober: Rund 70 Erwerbsarbeitslose,
MitarbeiterInnen von Straßenzeitungen, psychisch Erkrankte,
Menschen mit Behinderungen, Alleinerzieherinnen und MigrantInnen
sind bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr drei Tage unter
dem Motto „Sichtbar Werden“ zusammen gekommen, um gemeinsam
über Strategien gegen Armut zu beraten. Das von der Armutskonferenz
koordinierte Projekt versteht sich als Beitrag zu einer umfassenden
Strategie der Armutsbekämpfung unter Einbeziehung aller Akteure,
wie sie beim europäischen Rat von Nizza von allen europäischen
Staatschefs beschlossen wurde. Vom Augustin waren Michi und
Traude in Linz. Im Folgenden ihre jeweils persönlichen Eindrücke
von einer der (noch?) raren Gelegenheiten, bei denen die Betroffenen
und nicht – wie gewohnt – deren FürsprecherInnen den Ton angaben. |
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| Michis Bericht |
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| Betroffen sein bedeutet nicht immer Betroffenheit!
Das hat sich am Wochenende vom 27. bis 29. Oktober eindrucksvoll
gezeigt. Die TeilnehmerInnen aus 19 Betroffenenvereinen, Gruppen
oder Organisationen – angereist aus ganz Österreich – haben
gemeinsam ein anstrengendes, aber auch fröhliches Arbeitsleben
in Linz erleben dürfen. Ich durfte als Augustinverkäufer gemeinsam
mit einer Kollegin teilnehmen. |
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| Dies ist ein persönlicher Erlebnisbericht, deshalb
eher Eindrücke als Fakten. |
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| Interessierte können Daten und Fakten im Internet
auf www.armutskonferenz.at
unter „sichtbar werden“ finden. |
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| Die Anreise von Wien nach Linz war schon ein
Beginn der Diskussion, zu viert fuhren wir gemeinsam in einem
Abteil. Die Fahrt verging wie im Fluge. Sogar ein Taxi vom Bahnhof
zum Jugendgästehaus wurde gespendet. Das Einchecken ging problemlos
vonstatten. Die erste große Überraschung war die Zimmervergabe:
Ein ganzes Zimmer für jede/n allein! Ausgestattet mit Dusche
und WC. Luxus pur für manche von uns. |
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| Nach dem ersten Zusammentreffen zur Klärung der
Tagesordnung begaben wir uns in den Speisesaal. Die Qualität
der Speisen war von der ersten bis zur letzten Mahlzeit am Sonntag
hervorragend. Die Küchencrew nie genervt und immer freundlich,
und die Sitzordnung spiegelte die Stimmung unter den TeilnehmerInnen
wider: Es gab keine! Ein jeder aß und redete mit jedem. |
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| Für den Samstag war ein großer Auftritt in der
Linzer Innenstadt, am Taubenmarkt, geplant, für den wir Dutzende
lebensgroße Pappfiguren gestalteten, eine jede mit unseren Lebensgeschichten
und unseren eigenen Anliegen. |
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| Ach ja, drei PolitikerInnen waren am Abend noch
geladen: von den Grünen, der SPÖ und der ÖVP. Dieser Satireabend
war so sicher nicht geplant, aber wir hatten viel zu lachen.
Entweder war der nette ÖVP-Mensch überfordert oder in der falschen
Veranstaltung. |
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| Der Samstagvormittag war dann für unsere Demo
vorgesehen. Nach anfänglichem Bestauntwerden kamen wir mit den
Passanten ins Gespräch, von denen die meisten erschrocken waren
über die Zustände im sozialen Netz und überrascht über ihre
Unwissenheit, was täglich in diesem Land passiert und was auch
ihnen ganz schnell zustoßen könnte. Studierende (ich weiß nicht
von wo) haben die gesamte Veranstaltung in Bild und Ton festgehalten,
und die Ergebnisse werden bald im Internet zu sehen sein. |
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| Sehr schön fand ich, dass sich nach anstrengenden
Sitzungen noch kleine Gruppen fanden, die die Nacht zum Tag
machten und sich bis morgens um 4 oder 5 Uhr weiter austauschten.
Immer ohne Streit, und wenn, dann sachlich. |
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| Von der Stadt habe ich nicht viel gesehen, außer
halt den Taubenmarkt. Und, als letzte Überraschung, ein „Wienerwald“-Restaurant.
Samstagabend zum Ausklang wurden wir von den Veranstaltern zu
Speis und Trank ausgeführt. Schollenfilet, Hähnchenbrust, überbackene
Champignons und ein ordentlicher Schweinsbraten standen zur
Auswahl, alles in bester Qualität. Und die Getränke und Gespräche
ließen uns bis 4 Uhr früh ausharren. Ich meine, auch wir, sind
Menschen, und dürfen einmal den oft tristen Alltag vergessen. |
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| Nach einem letzten Resümee am Sonntag gab es noch
einmal ein Mittagessen, bevor wir uns, müde, aber zufrieden
mit dem Umfeld und den vielen neuen Erkenntnissen und Eindrücken,
auf den Weg zum Bahnhof machten. Viele neue Bekannt- oder sogar
Freundschaften wurden geschlossen, und wir trennten uns mit
der Sicherheit, dass das nächste Treffen nicht lange auf sich
warten lassen wird. |
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| Traudes Bericht |
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| Michi und ich vertraten also den Augustin in
Linz. Diesmal schien es spannend zu werden, da gleich am ersten
Tag PolitikerInnen zur Verfügung standen, um unsere Fragen zu
beantworten. |
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| Es waren anwesend: Frau Königsberger (SPÖ), ehemalige
AMS-Mitarbeiterin, was man an ihren Augen auch merkte; Herr
Öllinger (Grüne), der uns erzählte, dass er – bevor er in die
Politik ging – Alleinerziehender und selbst arbeitslos war,
und schlussendlich Herr Mitterlehner, Wirtschaftssprecher der
ÖVP, der immer wieder für Heiterkeitsausbrüche im Publikum sorgte,
besonders nachdem er mich nicht mehr daran hindern konnte, ihn
zu fragen, in welchem Land er eigentlich lebe, denn Österreich
könne es nicht sein. |
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| Auch Herr Öllinger meinte, dass der „Wirtschaftssprecher“
nicht die geringste Ahnung von den Zuständen in unserem Land
habe. Als die Veranstaltung zu Ende war, verließ Herr Mitterlehner
mit hochrotem Kopf fluchtartig den Saal. Schade fanden wir,
dass auch die beiden anderen bald gingen. |
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| Am zweiten Tag fand von 11 bis 13
Uhr eine Aktion am Taubenmarkt statt, mit ca. 100 lebensgroßen,
beklebten, bemalten und beschrifteten Pappfiguren, die wir am
Abend zuvor vorbereitet hatten. Die Reaktionen der Linzer Bevölkerung
waren aus meiner Sicht leider ausnahmslos enttäuschend. Am Nachmittag
saßen wir um acht Tische in kleinen Gruppen zusammen und schrieben
unsere Wünsche und weitere Forderungen auf ein Papiertischtuch,
wobei jeder nach einer gewissen Zeit die Tische wechseln sollte.
Ich setzte mich zu der so genannten „radikalen Gruppe“. Sie
bestand aus Bertl und Hannes von der Straßenzeitung Kupfermucken
aus Linz, Peter von der Selbsthilfegruppe
Misl und einem jungen Innsbrucker namens Michael, der zum
ersten Mal teilgenommen hat. Michael hatte uns schon am Abend
zuvor mit einer vorerst utopisch klingenden Idee konfrontiert,
nämlich eine eigene Partei zu gründen. Je mehr wir darüber diskutierten,
umso plausibler erschien uns diese Utopie, denn von Politik
und Medien werden die Armen totgeschwiegen. Wir müssen unser
Schicksal selbst in die Hand nehmen. |
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| Ich hatte noch ein anderes Anliegen. Da ich im
„Häferl“ ehrenamtlich
mitarbeite, wurde ich beauftragt, zu fragen, ob beim nächsten
Treffen die Gruppe der Haftentlassenen teilnehmen dürfte. |
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| Am letzten Tag wurden alle Forderungen vorgetragen
und besprochen. Wir sahen noch den Film, der während der drei
Tage gedreht wurde, wobei es nochmals zu lautstarkem Gelächter
über Herrn Mitterlehner kam. Zum Abschluss wurden wor noch eingeladen,
am 18. und 19. 11. zum Seminar „Zugang zum Recht / Durchsetzung
von Rechten“ zu kommen, wo wir von vier kompetenten Leuten endlich
über unsere Rechte aufgeklärt werden, nachdem wir bisher eher
über unser Pflichten informiert wurden. |
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| Müde, aber voller neuer Anregungen traten wir
die Heimreise an. |
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| AUGUSTIN,
Nr. 191, November 06, S. 44-45 |
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