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Christine Gurtner:
Behinderung und Armut - in einem Sozialstaat wie Österreich? |
| Sehr geehrter Herr Bundesminister, |
| ich heiße Christine Gurtner, ich bin von Geburt an behindert (Fehlen der Speiche beidseits). Da es 1968 in Oberösterreich keine Berufsausbildung für behinderte Menschen gab, durfte ich nach einigen Hürden die Handelsschule für Körperbehinderte in Wien (österreichweit die einzige Ausbildungsstätte) besuchen und war 20 Jahre in einer Bank beschäftigt. Nach dem Tod meines Mannes - Alleinerzieherin, wurde ich Tagesmutter für meine Kinder wie für andere Volksschüler, damit verbunden war auch mein Umstieg in den Sozialbereich. Seit 2001 habe ich das Diplom der Ehe-, Familien- und Lebensberaterin sowie den Peer counselor für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige. |
Invaliditätspension, Berufunfähigkeitspension, Pflegegeld, steuerliche Entlastungen etc. - ausreichend soziale Unterstützungen, meint man/frau. Wie kommt es dann zur Armutsgefährdung oder Leben unter der Armutsgrenze bei Menschen mit Behinderungen? |
| Aus meiner Sicht bzw. durch Gespräche mit anderen Betroffenen gibt es mehrere Gründe: |
- Unsicherheit und Unwissenheit bei Wirtschaftsträgern, Arbeitgebern, MitarbeiterInnen von Behörden wie AMS etc. und die Unvorstellbarkeit, behinderte Menschen können ihren Beruf bzw. ihre Tätigkeit selbständig ausüben. Daraus resultiert eine ziemlich hohe Arbeitslosigkeit
- Angst sich im Betrieb darauf einzulassen, Neues oder Anderes auszuprobieren.
- Selbstverständliche Annahme, dass behinderte Menschen dem Arbeitsmarkt nur eingeschränkt zur Verfügung stehen.
- Unüberschaubare teilweise unüberwindbare Zugänge zu Unterstützungen jedweder Art z. B. zu Sozialleistungen, zu Hilfsmitteln, die oft sehr teuer sind. Die Hürden werden als sehr belastend und schwierig zu meistern empfunden. Die dazu notwendigen Informationen muss man sich mühsam beschaffen, was großteils konstenaufwändig (hohe Telefonkosten oder Fahrtspesen) ist.
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| Aber es gibt Unsicherheit und Angst bei den behinderten Menschen selbst. Ein Beispiel: Jemand erhält aufgrund seiner Behinderung eine Dauerleistung zur Bestreitung seines Lebensunterhalts; auf Grund von Rehabilitations-Maßnahmen wird diese Person arbeitsfähig und erhält einen Job; nach spätestens 2 Jahren Betriebszugehörigkeit wird die Dauerleistung gestrichen, da angenommen wird, die Person kann diese Arbeit noch sehr lange, eventuell bis zur Pensionierung ausüben. Nun, Behinderungen lassen sich oft auch durch regelmäßige, intensive Behandlungen nur teilweise stoppen oder zurückdrängen - dann aber ist jeder Anspruch auf Dauerleistung erloschen; was bleibt sind Arbeitslosengeld, Notstandshilfe, Sozialhilfe, der psychische Frust "ich hab´s trotzdem nicht geschafft" und das Wissen, ich kann mir mein Leben finanziell nicht mehr leisten. - Wie kann ich mich eigenverantwortlich auf so einen Prozess (Integration in Arbeit und Beruf) einlassen? Bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, für die meist die Familienangehörigen den Integrationsprozess wesentlich bzw. überwiegend und intentsiv begleiten, wirkt sich diese Regelung besonders nachteilig aus. Die gesamte Familie erlebt sich als unzulänglich und ohne Daseins-Berechtigung. Dass diese Familien jedoch einen wesentlichen sozialen Beitrag in der Gesellschaft geleistet haben, wird meist übersehen. Im Gegenteil, sie werden bedauert und bemitleidet. |
| Dies hilft niemanden und ich denke, es wird genau das Gegenteil bewirkt. Es werden Aggressionen ausgelöst, die sich oft in Provokationen äußern und so ein unerwünschtes Perpetuum mobile in Gang setzen. Ein weiteres Problem ergibt sich in der Herkunfsfamilie, wenn ein behinderter jugendlicher Mensch, der sehr intensive Pflege gebraucht hat, in eine Betreuungseinrichtung wechselt. Die Eltern, vorrangig die Mutter hat ihr bisheriges Leben der Pflege und Versorgung ihres Kindes geopfert. Nach ca. 20 Jahren hat sie einerseits den Anschluss an den Berufsalltag verloren, andererseits fehlt ihr auch die Kraft wieder neu zu beginnen. Schließlich hat sie eine verantwortungsvolle und schwere Arbeit bereits geleistet. Da aber für solche Familienangehörigen meist eine Versicherung oder Altersversorgung fehlt, rutschen sie durch den Wegfall von Pflegegeld unverzüglich in die Armut. |
| Gibt es Auswege? Was braucht´s nun, um entgegen zu steuern? |
| RESPEKT und das Wissen, nicht nur geduldet, sondern akzeptiert zu werden. Menschen mit Behinderungen sind nicht arm oder hilflos, sie sind ANDERS und brauchen deshalb Unterstützung. Diese soll so einfach wie möglich erreichbar sein und dafür braucht es: |
- Klare Zuständigkeiten im Hinblick auf Erreichung von Sozialleistungen, Zugang zu erforderlichen Hilfsmitteln etc. Wenn eine Person mit Behinderung die entsprechenden Hilfsmittel oder Unterstützungen hat, wird sich die Leistung entsprechend erhöhen.
- Umfassende Informationspflicht durch MitarbeiterInnen von Behörden, Leistungsträgern und Beratungseinrichtungen.
- Chancengleichheit bei Stellenausschreibungen und Stellenvermittlungen.
- Toleranz und Geduld, den adäquaten, optimalen Arbeitsplatz zu finden.
- Den Integrationsprozess durch entsprechende Maßnahmen zu unterstützen.
- Ruhen einer bereits zuerkannten Dauerleistung während eines Beschäftigungsverhältnisses, damit bei unverschuldetem Verlust des Arbeitsplatzes (Verschlechterung des Gesundheitszustandes, Rationalisierungsmaßnahmen, Betriebsauflösung etc.) ein Wiederaufleben dieser Leistung möglich ist. Dies nimmt viel Druck und erleichtert somit den Integrationsprozess.
- Gerechte Entlohnung für Arbeitsleistung in geschützten Einrichtungen.
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| Abschließend möchte ich positiv bemerken, dass in einzelnen Fällen die Pflege durch Familienangehörige als Pensionsversicherungsersatzzeiten angerechnet wird. Ein kleiner Schritt in Richtung "möglicher Ausweg aus der Armut", aber es braucht deren noch viele. |
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