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Michael Schütte:
Brüssel 2007

Viel gäbe es zu berichten vom 6. Europäischen Treffen von Menschen mit Armutserfahrungen in Brüssel vom 4. und 5. Mai 2007, dieses Jahr unter Vorsitz von Deutschland.
Zuviel für einen kurzen Beitrag.
Deshalb erzähle ich nichts über das Treffen mit Sozialminister Dr. Erwin Buchinger auf dem Flughafen von Brüssel. Nicht abgeschottet von der Öffentlichkeit, sondern ganz einfach im Wartebereich. Den Inhalt des Schreibens mit Wünschen, Forderungen und Anregungen der fünf österreichischen TeilnehmerInnen kann der interessierte Leser im Augustin 203 unter "eingeSCHENKt" nachlesen.
Auch nicht, dass unsere Asylwerberin Ljubov Kortschikova nach wochenlangem Bangen und Bemühung sämtlicher kompetenter Instanzen in wirklich letzter Minute auf dem Flughafen Schwechat die Aus- und Einreisegenehmigung bekam.
Sensationell!
Nicht, dass die Unterkunft und Verpflegung, die Mobilität und alles, was den Aufenthalt angenehm machen konnte, problemlos und für uns kaum bemerkbar organisiert wurde.
Nicht, dass es unter den etwa 220 Teilnehmern aus 27 europäischen Ländern keine Kommunikationsschwierigkeiten und schon gar keine Konflikte gab.
Nicht, dass wir von allen Verantwortlichen und deren Umfeld ständig freundlich und zuvorkommend behandelt wurden.
Nichts über den Schwedischen Teilnehmer, der nach Mitnahme des Bettzeuges und des Inhaltes der Minibar einen Zettel mit dem Inhalt hinterließ, Belgien sei wärmer als Schweden und er werde erst einmal abtauchen...
Die Rechnung hat die Schwedische Leitung anstandslos übernommen.
Nichts erzählen möchte ich über die zwar überfüllte aber scheinbar nie im Stress befindliche wunderschöne Altstadt Brüssels, die schmalen Gassen und Häuser und das wunderbare Wetter. Auch nichts über die Preise der weltberühmten Pralinen...
Nichts über den einerseits gemütlichen, hellen neuen Plenarsaal, ausgestattet mit aller erdenklichen Technik, jedoch nicht überladen. Nichts über die außerordentlich netten (wirklich netten) DolmetscherInnen, die tatsächlich Interesse an unseren Diskussionen und Anregungen zeigten. Auch nicht, dass WIR diesen Saal einweihen durften.
Natürlich verrate ich auch nicht, dass Franz Müntefering, Bundesminister für Arbeit und Soziales (Deutschland) mir bei der Präsentation der 3D-Objekte seinen Sessel zur Verfügung stellte.
Denn darüber möchte ich berichten: Über unsere 3D-Objekte.
Zitat: "Was wir wollen, wo wir stehen. Bilanz der ersten fünf Europäischen Treffen von Menschen mit Armutserfahrungen." Um zu verdeutlichen, was wir erreicht haben und noch erreichen wollen, waren alle Delegationen aufgefordert, ein bis zu
50 x 50 x 50 cm großes Objekt zu fertigen und vorzustellen. Diese Objekte werden dann im Laufe weiterer Veranstaltungen der Öffentlichkeit mit Hintergrundinformationen und Beschreibungen zugänglich gemacht.
Hier einige Beispiele:
Belgien: Ein Zelt. Ausgestattet mit allem, was Mensch zum (über)leben benötigt. Das Zelt auch als schützendes Dach.
Bulgarien: Eine Tasse ohne Boden, eine Zigarette ohne Tabak. Äußerer Schein ohne Inhalt.
Finnland: Die schwarze Flamme. Die schwarze Flamme ist ein Symbol für die Kälte in der finnischen Nacht, in der im Winter noch immer viele Obdachlose erfrieren. Prominente und weniger Prominente setzen sich einmal im Jahr dieser Winternacht aus, um auf die Situation der Obdachlosen aufmerksam zu machen.
Frankreich: Die Wortwaage. Eine Waage aus Worten, wobei Reichtum und Armut, Integration und Ausgrenzung, Information und Ausschluss und viele weitere Beispiele. Das System (die Waage) kann nur funktionieren, wenn sich beide Seiten eben die Waage halten.
Lettland: Eine Kerze. Diese Kerze brannte jedoch nicht. Erst mit Hilfe eines Teilnehmers eines anderen Landes, welcher ein Streichholz hatte, konnte die Kerze ihren Sinn erfüllen, nämlich Licht und Wärme spenden. Ein gutes Beispiel für Zusammenarbeit.
Malta: Ein Ball. Eine Hälfte voller Luft, die andere schlaff. Spielen kann man mit diesem Ball nur, wenn beide Seiten, arm und reich, gleichwertig (voller Luft) sind.
Schweden: Ein Kasten mit Schloss. Das Schloss ist jedoch nur von innen zu öffnen. Das heißt, nur von innen lässt sich etwas bewirken.
Niederlande: Ein positives Beispiel, ein Haus für Jugendliche, für ihre Bedürfnisse.
Polen: Der Kaktus. Eine sehr schön anzuschauende Pflanze, jedoch sehr stachelig, wenn man sie berühren oder für sich nutzen möchte.
Belgien selbst hat ein Megafon beigetragen. Dazu muss man wenig sagen.
Weitere Objekte haben zum Abschluss der Tagung den gesamten Mittelraum gefüllt, ein eindrucksvolles Beispiel, welche Sorgen und Gedanken täglich Menschen nicht nur in Österreich beschäftigen. Ein einhelliges Ergebnis war wohl, dass von Armut betroffene oder bedrohte Menschen ein gewaltiges Potential besitzen. Wer ständig nur um den nächsten Tag kämpft, wer ständig nur überlegt, wie er seine Kinder ernähren kann, wer täglich nur das Allernötigste zur Verfügung hat, der hat keine Kraft, sich gegen Willkür zu wehren.
Die meisten von uns arbeiten dennoch ehrenamtlich in den verschiedensten Organisationen und werden von gut bezahlten "Amtlichen" oft in ihren Bemühungen behindert. Ein weiterer Kerngedanke ist nicht das Erbetteln von Geldern, sondern der Zugang zu Information. Miteinander und Motivation, anstatt Verhinderung und Frustration.
Und jetzt noch der Beitrag Österreichs:
Vorstellung und Hintergrund des 3 D Objektes der österreichischen Delegation:
Der Würfel
Ein Grundgedanke unserer Aktionen und Treffen
war und ist die Vernetzung der einzelnen Interessengruppen
und das "Sichtbar werden!"
Aus diesem Grunde haben wir die 6 Seiten des Würfels
mit Fotos vorangegangener Aktionen verschiedener Gruppen beklebt.
Ein Würfel hat nun einige Einschränkungen:
Die einzelnen Seiten (Gruppen) können sich nur am Rande begegnen,
sie leben nebeneinander her, ohne sich zu überschneiden.
Vernetzung findet nicht statt!
Der Würfel repräsentiert das Zufallsprinzip.
Die Gruppe, die beim Wurf nach oben zu liegen kommt, erhält (mit viel Glück) Zuschüsse und Unterstützung vom Staat.
Die anderen Gruppen bleiben außen vor und kämpfen allein weiter.
Am schlimmsten ist in diesem Zusammenhang die "versteckte Armut",
die Gruppe, die unten unsichtbar zu liegen kommt.
Nun kann ein Würfel aber auch eine andere Position einnehmen
als die liegende, statische! Stellt man ihn auf eine seiner Ecken,
sind schon drei Seiten sichtbar, und zwar in wechselnden Beziehungen.
Diese Lage ist aber äußerst instabil.
Jetzt bedarf es eines Anstoßes, um den Würfel
in Drehung zu versetzten, besser in Bewegung.
Je schneller sich der Würfel dreht, d. h. je mehr Menschen
sich an der Bewegung beteiligen, desto stabiler wird das Gebilde.
Die einzelnen Seiten sind nicht mehr unterscheidbar,
werden zum Ganzen in neuer, dynamischer Form!
Und er liegt nicht mehr leise im Verborgenen;
er gibt Geräusche von sich, erst leise
dann immer lauter und lauter und lauter...
 
 
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