Arno Schmidt: Zettels Traum
(1970)
Roman
in acht Büchern von Arno Schmidt, erschienen 1970. Zettels
Traum ist Fluchtpunkt und Summe des gesamten bis dahin entstandenen
Werks des Autors; das monumental umfangreiche Buch es enthält
1330 Seiten vom Format DIN A3, die mehrspaltig beschrieben sind
ist Epos und Essay, Übersetzungstheorie und Dichterpsychographie
zugleich, Fortführung und konsequente Zusammenfassung der erzähltechnischen
und literaturtheoretischen Ansätze der früheren Bücher
Schmidts, die im Nachhinein wie Fingerübungen zu diesem Riesenbuch
erscheinen.
Die Handlung des Romans spielt an einem
Sommertag des Jahres 1968, den die vier Hauptpersonen von 4 Uhr früh
bis zum folgenden Morgen in dem Dörfchen Ödingen in der Celler
Ostheide miteinander verbringen. Beim Ich-Erzähler Daniel Pagenstecher,
dem in ländlichem Refugium in einem mit Büchern vollgestopften
Haus lebenden gelehrten Schriftsteller und Übersetzer, sind das befreundete
Übersetzerehepaar Paul und Wilma Jacobi und dessen sechzehnjährige
Tochter Franziska zu Gast; die vier kennen sich, so lange sie denken könen,
und was sie diesmal zusammenführt, sind die Übersetzungsprobleme
der Jacobis: Ihre Übertragung der Werke Edgar Allan Poes bietet Anlaß,
sich in einer Art Marathon-Symposion den lieben langen Tag immer wieder
mit Werk und Gestalt Poes zu beschäftigen, und dieser Poe-Essay in
Gesprächsform, meist gegen Zweifel und Einwände der Jacobis
von Daniel Pagenstecher bestritten, gewinnt die gleiche Bedeutung wie
das Tun und Treiben der Personen und ihr Verhältnis zueinander. Geschehnisse
des Dorfalltags sind immer wieder der Anstoß zu Gesprächen
über bestimmte Themen und Motive im Werk Poes, das seinerseits die
Folie bildet für die zart-melancholischen Beziehungen des alternden
Pagenstecher zur sechzehnjährigen Franziska, die dem literaturbesessenen
Hagestolz noch einmal den Schmelz halbwüchsiger Weiblichkeit verlockend
vorführt. Ähnlich wie Poe die dreizehnjährige Virginia
Clemm heiratete, könnte Pagenstecher die Kindsbraut,
das elfische, unsterblich in ihn verliebte Wesen zu sich nehmen, um so
mehr, als Franziska sich mit ihrer Mutter schlecht versteht und die Jacobis
in finanziellen Nöten sind. Doch Pagenstecher, einsiedlerisch, ängstlich
und überdies weise die Komplikationen abwägend, die eine solche
Verbindung angesichts seiner schwindenden Manneskraft mit sich bringen
würde, entzieht sich schweren Herzens dem Werben Franziskas; er sorgt
dafür, daß die Jacobis ihr Abitur und Studium ermöglichen
können. Die Bedingung, die dieser Pakt mit Franziskas Eltern enthält:
Franziska darf ihn, Pagenstecher, nie wiedersehen. In der Frühe des
folgenden Tages, als Pagenstecher sich unter dem Vorwand, der dörflichen
Feuerwehr bei einem Brand assistieren zu müssen, entfernt hat, verlassen
die Jacobis mit ihrer Tochter das Dorf und kehren nach Lünen/Westfalen
zurück.
Diese Personenkonstellation war schon vorgezeichnet
in Schmidts Erzählung Die Wasserstraße aus dem
Buch Kühe in Halbtrauer (1964): Hier entsagt der Erzähler
einer Romanze mit der sechzehnjährigen Hel. Auf der Ebene der Literaturtheorie
ist Schmidts Untersuchung Sitara und der Weg dorthin (1963),
eine psychoanalytische Studie von Werk und Person Karl Mays, das Vorspiel
zu Zettels Traum. Wie Schmidt aus der Biographie und den Schriften
Mays ein Psychogramm seiner Persönlichkeit abzuleiten suchte (mit
dem von der Karl-May-Forschung bis heute nicht bestätigten Ergebnis,
daß May wahrscheinlich latent homosexuell gewesen sei und daß
diese unterdrückte Triebrichtung Spuren in seinem Wortschatz und
seinen Romanfiguren hinterlassen habe), so versucht nun Schmidts Alter
ego Daniel Pagenstecher an Poes Schriften die psychoanalytische Sonde
anzulegen. Gegen den allerdings immer mehr schwindenden
Widerstand der Jacobis, insbesondere Wilmas, die ihr idealisch-reines
Bild Poes retten will, entwickelt er seine Etym-Theorie, ein
tiefenpsychologisch-spekulatives Theorem, das er an den Erzählungen,
Gedichten und Rezensionen Poes zu exemplifizieren sucht.
Gestützt auf die Darlegungen Sigmund
Freuds in der Traumdeutung (1900) und der Psychopathologie
des Alltagslebens (1901), behauptet Pagenstecher, Poes Sprache und
Bilderwelt in den poetischen Werken verrate eine darunter liegende Schicht
von eigentlich (im Unbewußten) gemeinten sexuellen Vorstellungen,
wenn man sie auf Etyms abhorche, das heißt auf Wortgruppen,
die durch Klangähnlichkeit gebündelt sind, wobei jeweils das
Wort, welches eine dem Über-Ich zulässige, anständige,
poetische Bedeutung habe, die psychische Zensur passierte, während
unanständige (aber dem pschoanalytisch geschulten Ohr
durch die Klangähnlichkeit assoziierbare) Worte verdrängt, überformt,
sublimiert wurden. So vermutet Pagenstecher hinter Pallas
ein unbewußtes Phallus, hinter pen ein versteckes
Penis, hinter true und whole ein trou
(französisch, Loch) und hole (englisch, ebenfalls Loch),
hinter der Silbe con das englische cunt (Vagina)
usw. Das Aufspüren der unbewußten Wort- und Bilderwelt Poes
erfolgt aber nicht nur über Einzelwörter, über die als
Graue Eminenzen und Schaltstellen des Gehirns
bezeichneten Etyms, sondern auch über obsessiv in Poes
Erzählungen wiederkehrende Szenen, Gegenstände, Pflanzen, Landschaftsformationen
etc., deren Form, Farbe und andere optische und haptische Qualitäten
sie im Sinne der psychoanalytischen Symbolik bedeutungsträchtig erscheinen
lassen. Pagenstecher gelangt auf diese Weise zu einem sehr düsteren
Psychogramm Poes; wenn man seiner Theorie glauben darf, so war dieser
ein impotenter, syphilitischer Voyeur mit einer starken Neigung zur Koprophilie.
Seiner weitausgreifenden Theorienbildung
setzt Pagenstecher die Krone auf, indem er erklärt, neben den drei
von Freud behaupteten Instanzen der Persönlichkeit (Es, Ich und Über-Ich)
noch eine 4. Instanz gefunden zu haben, eine psychische Instanz,
die sich bei intelligenten Menschen ungefähr vom 50. Lebensjahr an
bilde und die es übernehme, Sexualität, die real nicht mehr
gelebt werden kann, in bewußt schalkhafte Wortspiele zu sublimieren,
in witzig-doppeldeutige Anspielungen umzubiegen. Pagenstechers Kronzeugen
für diese Theorie sind James Joyces Sprachbehandlung in Finnegans
Wake und Laurence Sternes anzügliche Wortwitze im Tristram
Shandy. Es versteht sich von selbst, daß der ebenso selbstkritische
wie, in anderen Dingen, selbstbewußte Daniel Pagenstecher sich zu
den großen altersweisen Schriftstellern rechnet, die den trickreichen
Mechanismen des Unbewußten nicht anheimfallen, sondern daraus sprachwitziges
Kapital schlagen, damit aber im beginnenden Alter noch einmal künstlerisches
Format zeigen.
Gebrochen und relativiert, dadurch aber
auch in seiner ohnehin zumindest problematischen Gültigkeit
in der Schwebe gehalten, wird das Psychogramm Poes dadurch, daß
Daniel Pagenstecher und der immer begeisterter zustimmende Paul Jacobi
an Poe vielleicht nur das erkennen, was in ihnen selbst ist: Beide sind
von beginnender Impotenz und von Voyeurtum getriebene ältere Herren,
die ihren eigenen Zustand in Poe hineinprojizieren. Umgekehrt erklärt
sich Wilma Jacobis Widerstand gegen Pagenstechers Poe-Bild daraus, daß
sie, eigentlich schon zu alt dafür und überdies in schwierigen
materiellen Umständen lebend, noch einmal schwanger geworden ist
und daher einen starken Widerstand gegen alle Sexualität entwickelt,
was auch erklärt, warum sie ihre ständig mit Pagenstecher tändelnde
Tochter immer wieder scharf zur Tugend mahnt.
Die außerordentlichen Schwierigkeiten,
die die Lektüre von Zettels Traum bereitet, liegen nicht
so sehr im Umfang des Buches, auch nicht in der zwar stark gedehnten,
in den Grundzügen aber leicht überschaubaren Handlung und auch
nicht in der dem mit Freuds Schriften vertrauten Leser durchaus verständlichen
Etym-Theorie. Längere Eingewöhnung erfordern vielmehr die Spaltentechnik
des Buches, d. h. die Aufspaltung des Textes jeder einzelnen Seite
in drei wechselnd umfangreiche Textstränge, die ungewöhnliche
Orthographie und Interpunktion sowie die unzähligen, zum Teil fremdsprachigen
Zitate, Randbemerkungen, Anspielungen und Querverweise, die das Buch durchziehen.
Die einzelne Seite des übrigens nicht gedruckten, sondern
photomechanisch nach dem Typoskript des Autors vervielfältigten
Buches enthält in der Regel einen Haupt-Textstrang, der auf der Mitte
der Seite verläuft und der realen Handlung, dem Tun,
Erleben und Sprechen der Figuren, vorbehalten ist, links davon eine schmale
Spalte für jene Zitate aus den Werken Poes, die die Personen gerade
assoziieren, und rechts davon eine ebenfalls schmalere Spalte für
die persönlichen Einfälle, Gedankenspiele und Randbemerkungen
des Erzählers Pagenstecher, die weitgehend und oft in autobiographisch
sehr aufschlußreicher Art mit denen Arno Schmidts gleichgesetzt
werden können.
Der über die Seite mäandrierende
Text je nachdem, ob das Hauptinteresse gerade Poe, der Realität
oder den Gedankenspielen des Erzählers gilt, kann der Haupt-Textstrang
auch rechts oder links verlaufen ist in einer Orthographie abgefaßt,
die, ebenso wie die Interpunktion, allen Duden-Regeln hohnspricht: Die
Wörter sind häufig phonetisch (wenn auch mit dem normalen Alphabet)
aufgezeichnet, oft aber erscheinen auch ähnlich zweideutige Wortbastarde
wie in Joyces Finnegans Wake. Als Beispiel diene der Titel
des IV. Buches von Zettels Traum: Die Geste des Großen Pun. Das
läßt sich lesen als Die Gäste des Großen Pan,
aber auch als The jests of the great pun (Die Taten des großen
Wortspiels), des weiteren als Die Späße der großen
Feder und als Die Gesten des großen Herrn Penis
(je nachdem, welche deutschen, französischen und englischen Klänge
und Bedeutungen man assoziiert oder unterschiebt). Und schließlich
wird die Aufmerksamkeit vom Haupttext immer wieder abgelenkt durch die
in alle Spalten und auf alle Seiten verstreuten, im Gespräch der
Personen oder in freier Assoziation des Erzählers eingeführten
Zitate aus der psychoanalytischen Fachliteratur, der deutschen, englischen
und französischen Literatur von Johann Fischart über Lewis Carroll
bis Jules Verne, aus Opern- und Operettentexten, aus Singspielen und Vaudevilles
von Mozart bis Offenbach, aus Bücherkatalogen und Reklametexten;
zum Teil sind Herkunft und Funktion der Zitate und Einschiebsel sofort
erkennbar, zum Teil aber bleibt ihre Provenienz dunkel und ihre Funktion
in der Schwebe. Schwierig bleibt es schließlich, den Grad der Fiktionalität
vieler Szenen des Buches richtig einzuschätzen, denn es gibt zwar
auf weite Strecken eine reale Ebene der Handlung, doch wandelt
sich die Szene bisweilen ins Phantastische, ins Träumerische und
Gedankenspielerische, und schließlich tauchen in weitgehender Suspendierung
von realistischen Zeit- und Raumkategorien vor allem in den Büchern
IV und VII die Sirene Ligeia, antike Seegötter, neapolitanische Schiffer
und sogar, in seltsamer Vermummung, Edgar Allan Poe selbst auf, der kurz,
auf einem zum Walpurgisspuk und grandiosen Panoptikum aller sexuellen
Perversionen umgedeuteten Jahrmarkt, mit Pagenstecher und Jacobi konfrontiert
wird, um sich dann ebenso schnell, entsetzt von Pagenstechers Deutungen
seines Seelenlebens, wieder in Nichts aufzulösen. Auf diesen traumhaften
Charakter des ganzen Romans verweist auch der Titel, der nicht nur ironisch
auf die 120 000 Notiz-Zettel deutet, auf die Schmidt
vor und bei der Niederschrift des Buches Einfälle und Stichworte
notiert hatte, sondern auch auf die Traumerzählung Zettels, des Webers
in Shakespeares Sommernachtstraum, anspielt: Ich hab'
ein äußerst rares Gesicht gehabt! Ich hatt' nen Traum
's geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war
dieses Zitat hat Schmidt dem Buch als Motto vorangestellt.
Die ersten Rezensionen und Aufsätze
über das Werk, an dem Schmidt selbst ein hervorragender Kenner
und Übersetzer Poes 1963 zu arbeiten begann und dessen Niederschrift
vier Jahre von 1965 bis Anfang 1969 dauerte, waren im Grund
nur Zeugnisse des tastenden Versuches, sich in dem Labyrinth zurechtzufinden.
Schmidt selbst setzte die Schwierigkeit der Lektüre so hoch an, daß
er die Meinung äußerte, nur etwa 400 Leser würden das
Buch nach vieler Mühe verstehen können. Das ist sicher übertrieben;
man kann sogar sagen, daß Zettels Traum in vieler Hinsicht
leichter zu verstehen ist als etwa James Joyce' Finnegans Wake,
zu dem Schmidt mit seinem Buch sicher in Konkurrenz treten wollte. Aber
es ist bezeichnend, daß in der Schmidt-Philologie Zettels
Traum bisher wesentlich weniger intensiv erforscht worden ist als
etwa der Erzählungsband Kühe in Halbtrauer; die
schiere Text-Menge samt endloser Zitatenfülle scheint geradezu lähmend
zu wirken sogar auf Schmidt-Fanatiker. Fraglos wird kaum je alles entschlüsselt
werden können, was an Bedeutungen und Anspielungen in dem Roman steckt,
der von einem System von einander auslösenden, aufeinander verweisenden,
leitmotivisch funktionierenden Zitaten durchzogen ist. Das ist die eine,
die quasi philologische Seite. Auf der anderen Seite wäre zu untersuchen,
ob auch die Gesamtkonstruktion des Buches tragfähig ist, die ja nicht
nur bei der ersten, sondern wohl auch noch bei der zweiten und dritten
Lektüre nur in Umrissen deutlich wird. Klar ist, daß in manchen
Passagen die Handlung auf der Stelle tritt, ja sich bis zum Fadenscheinigen
verdünnt, weil die Erörterungen zur Psychographie Poes ganz
in den Vordergrund treten; außerdem entsteht im Verlauf des Buches
natürlich auch, da viele Passagen stark bekenntnishafte Züge
tragen, ein Psychogramm Arno Schmidts, das von der großen Ehrlichkeit
des Verfassers, aber auch von seinen Schwächen, Ressentiments, Skurrilitäten
und seinen unreflektiert-verhärteten Einstellungen gegenüber
vielen Erscheinungen der Gegenwart und gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen
(Hippies, Studenten, Bauern, usw.) zeugt.
Dennoch stieß das Buch, das in Deutschland
die literarische Sensation des Jahres 1970 war, auf ein so starkes Interesse,
daß die zwangsläufig sehr teure Erstausgabe nach wenigen Monaten
vergriffen war und daß ein Berliner Kollektiv von Raubdrucken im
Herbst 1970 einen gegenüber der Originalausgabe stark verkleinerten
Piratendruck verkaufen konnte.
Prof. Dr. Jörg Drews
© 2001 Systhema
in der United Soft Media Verlag GmbH
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